WL-Konferenz 2022


Rückblick auf die Konferenz der wirtschaftlichen Landesversorgung 2022

Das Interesse an der WL-Konferenz vom 14. November 2022 im Stadion Wankdorf war gross, umso mehr, als seit 2019 keine Konferenz mehr stattgefunden hatte. Gross waren auch die Veränderungen in den letzten drei Jahren, und das nicht nur in der Wahrnehmung. Der Delegierte Werner Meier liess schon in der Einleitung durchblicken, dass die Anforderungen an die WL in den nächsten Jahren eher zu- als abnehmen werden. Er führte durch seine letzte WL-Konferenz. Bundesrat Guy Parmelin liess es sich nicht nehmen, ihn zu verabschieden.

Weil gegenwärtig das Hauptinteresse breiter Kreise der Energieversorgung gilt, startete die Konferenz auch mit diesem Aspekt der Versorgungssicherheit. Werner Meier betonte, die wirtschaftliche Landesversorgung WL arbeite momentan mit Hochdruck daran, um die Verordnungsentwürfe zur Strommangellage zu finalisieren. Jene zur Gasmangellage sind inzwischen veröffentlicht worden. Im Gespräch mit drei Vertretern von Grossunternehmen und Betreibern kritischer Infrastrukturen vermittelte er in der Folge aufschlussreiche Einblicke in die Aktivitäten der Schweizerischen Bundesbahnen SBB, der Swisscom und des Grossverteilers Migros.

Krisen als Chance sehen

Beat Deuber, Leiter Netzdesign, Anlagen und Technologie bei den SBB, der seit dem Sommer auch den Krisenstab leitet, erinnerte daran, dass sein Unternehmen der grösste Stromverbraucher in der Schweiz ist. Immerhin habe man in den letzten zehn Jahren die Energieeffizienz aber um 20 Prozent gesteigert. Neue Massnahmen sind auch im Hinblick auf diesen Winter angeordnet worden, so soll in den Zügen weniger geheizt werden und die Lokführer sind angehalten, energieeffizient zu fahren.

Der Leiter Netze der Swisscom, Markus Reber, verwies nicht ohne Stolz darauf, dass sein Unternehmen im Sommer vom Magazin World Finance zum zweiten Mal zur «Most Sustainable Company in the Telecommunication Industry» gewählt wurde. Konkret heisst das, dass in den letzten sechs Jahren eine Effizienzsteigerung um 45 Prozent verbucht wurde. Vom heutigen Energieverbrauch seien 87 Prozent für den Betrieb und die Aufrechterhaltung der Dienste unerlässlich, über die restlichen 13 Prozent hingegen könne man diskutieren. Effizienz sei für die Swisscom aber unerlässlich, umso mehr als sich die Leistungsnachfrage momentan alle zwei Jahre verdopple. Der Leiter des nationalen Krisenstabs der Migros, Rainer Deutschmann, betonte, der Grossverteiler stelle seit Jahren Risikoüberlegungen an. Hilfreich sei dabei der «astreine militärische Führungsprozess». Die Basis dafür sei aber im wertorientierten Krisenmanagement zu suchen, das auf die drei Elemente Respekt, Gemeinschaftssinn und Wertschätzung setze.

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Unisono bezeichneten die Vertreter der Grossunternehmungen die Krise als Chance. Sie erlaube es, Bestehendes in Frage zu stellen, meinte Markus Reber. Und Rainer Deutschmann doppelte nach, die Krise motiviere und mobilisiere, es wäre eine Schande, die sich bietenden Chancen nicht zu nutzen. Beat Deuber schliesslich meinte augenzwinkernd, die SBB wären die einzigen, die wüssten, wie Blackout gehe (Dezember 2005): Eine solche Krise lenke die Innovation am richtigen Ort.

Bundesrat Parmelin warnt vor Mehrarbeit

Der Vorsteher des WBF, Bundesrat Guy Parmelin, nahm nach 2019 zum zweiten Mal an einer WL-Konferenz teil. Er gestand ein, dass ihm damals die Flaschen im Keller noch wichtiger waren als der Notvorrat, der von seiner Frau verwaltet wurde. Auch da hätte sich das Blatt gewendet. Er nahm die Gelegenheit wahr, sich in einem grösseren Kreis von Werner Meier zu verabschieden, ihm für seinen langjährigen Einsatz für die wirtschaftliche Landesversorgung zu danken und ihm für die Zukunft alles Gute zu wünschen. Fast entschuldigend meinte er, er hätte den Delegierten überredet, sein Mandat noch über die Pensionierung hinaus wahrzunehmen, und ihm damit wohl keinen guten Dienst erwiesen. Nur hätten sie beide damals nicht gewusst, was sie insbesondere mit dem Krieg in der Ukraine noch erwarten würde.

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Bundesrat Parmelin konfrontierte die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer weiter mit momentanen und künftigen Herausforderungen im Energiesektor: «Wie organisieren wir unsere Wärme- und Stromversorgung, ohne unsere Klimaziele aus den Augen zu verlieren? Wie können wir den Energieverbrauch generell einschränken und so Abhängigkeiten vermindern?» Zusammenfassend meinte er, wir hätten nicht nur eine Energiekrise zu bewältigen, wir müssten die Weichen auch so stellen, dass wir Energieangebot und -Verbrauch in Einklang bringen könnten, und das sowohl im Interesse der Bevölkerung als auch der Wirtschaft.

Der oberste Chef der WL liess es nicht beim Skript bewenden, sondern rief der BWL-Belegschaft in Erinnerung, dass aus den Weihnachtsferien in diesem Jahr vielleicht nichts werden könnte. Wenn sich die momentan zufriedenstellende Situation im Energiebereich bis dann verschlechtern sollte, dann wäre voller Einsatz auch während den Festtagen gefordert …

Die Frage, wie er die WL im Jahr 2030 sehe, beantwortete der Bundesrat folgendermassen: «Wir müssen die WL schon heute und in allen Bereichen verstärken. Da gibt es noch Arbeit. Wichtig ist es jetzt, diese Krise mit möglichst geringen Auswirkungen durchzustehen. In zwei bis drei Jahren dürfte die Reorganisation abgeschlossen sein. Die WL und insbesondere das BWL müssen so schnell wie möglich bereit sein, ihren Auftrag wieder vollumfänglich wahrnehmen zu können.»

Wie verwundbar sind Ernährungssysteme?

Im zweiten Teil der WL-Konferenz ging es um die Transformation der Ernährungssysteme. Bernard Lehmann, Chairman Expertenpanel des UN Committee on World Food Security und früherer Direktor des BLW, gab einen Einblick in das hochkomplexe weltweite Ernährungssystem: «Wenn irgendwo an einer Schraube gedreht wird, dann sind anderswo rasch Veränderungen feststellbar», fasste er die interkontinentalen Abhängigkeiten zusammen. Die landwirtschaftliche Nutzfläche habe sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, aber die Bevölkerung sei gleichzeitig unaufhörlich gewachsen. Seit 1960 belaufe sich die Produktivitätsverbesserung auf 350 Prozent.

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Bis Anfang 2020 seien die ungenügende Nachhaltigkeit und der Hunger die weltweit grössten Probleme gewesen, stellte Bernard Lehmann fest. Seither seien noch Unterbrüche in den Liefer- und Wertschöpfungsketten dazugekommen. Folglich seien auch die Ernährungssysteme verwundbarer und die Abhängigkeiten unausgewogener geworden.

Während der anschliessenden Podiumsdiskussion äusserten sich fünf Personen, die der WL-Miliz angehören oder einen engen Bezug zur WL haben, zur Bedeutung dieser Transformation der Ernährungssysteme für die wirtschaftliche Landesversorgung. Corina Milz, Leiterin Abteilung Zweite Verarbeitungsstufe und Verteilung der WL (Head Corporate Communications Lidl), stellte sogleich klar, dass Ernährungssicherheit nicht unabhängig von einer sicheren Stromversorgung betrachtet werden könne. Der Detailhandel spüre sehr schnell, was knapp werde, und trage das in die WL. Christian Hofer, Fachbereichsleiter Ernährung WL (Direktor BLW), stellte fest, die landwirtschaftlichen Forschungsanstalten in unserem Land trügen dazu bei, dass die Agrarpolitik unser Ernährungssystem nachhaltig sichere. Wir stünden grundsätzlich gut da, aber die Ernährungssicherheit müsste weiter gestärkt werden.

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Hans Häfliger, Geschäftsführer réservesuisse, bezeichnete unsere Pflichtlager als unerlässliche Puffer in Zeiten einer Just-in-time-Versorgung. Seiner Meinung nach müssten wir über mehr Lager verfügen, aber dafür müsste auch die Nachhaltigkeit der Finanzierung dieser Reserven sichergestellt werden. Martin Keller, der CEO von Fenaco, bemerkte, der psychologische Effekt der Versorgungssicherheit (Pflichtlager) dürfe nicht unterschätzt werden, denn eine Verknappung könne auch Panik verursachen. Seine Erkenntnis insbesondere infolge des Kriegs in der Ukraine: «Wir müssen unsere Wertschöpfungsketten überprüfen. Eine Regionalisierung drängt sich auf.» Martin Rufer, Direktor Schweizer Bauernverband, forderte schliesslich, wir müssten unsere heutige, diversifizierte Produktion erhalten und das Systemdenken verankern, weg von der einseitig orientierten Landwirtschaftspolitik hin zur Ernährungspolitik.

Gesprächsstoff für die Diskussionen während dem anschliessenden Apéro gab es damit zweifellos genug!

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Letzte Änderung 22.11.2022

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