Der Delegierte

Werner Meier

Werner Meier, Dipl. El.-Ing. ETH

Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung seit 2016, bis Ende 2020 Leiter Group Security und Business Continuity Management der Alpiq AG

Die Organisation der wirtschaftlichen Landesversorgung wird von einem Delegierten oder einer Delegierten im Nebenamt geleitet. Das Gesetz bestimmt, dass diese Person aus der Wirtschaft stammen muss. Der Delegierte leitet die gesamte Organisation - das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung und die Milizorganisation aus der Wirtschaft.

Aktuell

Werner Meier bleibt bis 2023 Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung

Werner Meier bleibt bis 2023 Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung. Dies hat der Bundesrat am 13. Januar 2021 beschlossen. Er übt diese Funktion seit Januar 2016 aus und wird sie Ende Februar 2023 beenden, zwei Jahre nach der ordentlichen Pensionierung.

(13.01.2021)

Medienmitteilung: Werner Meier bleibt bis 2023 Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung

Interview mit Werner Meier: Pandemie macht Wichtigkeit der Versorgungssicherheit deutlich

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Herr Meier, seit 2003 engagieren Sie sich für die wirtschaftliche Landesversorgung (WL). Zuerst in der Milizorganisation, seit 2016 leiten Sie sie als Delegierter. Soeben hat Sie der Bundesrat für weitere zwei Jahre bestätigt – über Ihre Pension hinaus. Was treibt Sie an?

Werner Meier: Die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen ist für mich eine sehr sinnvolle und wichtige Aufgabe. Hier mein langjähriges Wissen einfliessen zu lassen und die Weiterentwicklung prägen zu können, ist eine der spannendsten Aufgaben in der Verbindung zwischen Wirtschaft und Staat, die ich mir vorstellen kann.

Kommt dazu, dass diese Arbeit sehr abwechslungsreich ist. Ich arbeite mit sehr vielen verschiedenen Stellen und Menschen zusammen: einerseits mit den Mitarbeitenden des Bundesamts und dem Wirtschaftsdepartement, dann mit dem Milizkader aus der Wirtschaft, den Pflichtlagerorganisationen und den anderen Bundesämtern, den Kantonen und der Armee.

Wie wichtig die Versorgungssicherheit und die Vorsorge ist, zeigt die aktuelle Pandemie. Sind wir auf dem richtigen Weg?

Wohl zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg erlebt die Schweiz eine flächendeckende Krise. Vieles lief gut, einiges müssen wir als Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verbessern und vielleicht auch neu denken.

In der Schweiz fühlten wir uns immer sehr sicher, Krisen gingen an uns vorbei, und wir wähnten uns - vielleicht auch in falscher - Sicherheit. Unsere Organisation und ihr Entstehen zeigen dies sehr deutlich. Die Schweiz war als Binnenland immer abhängig vom Umfeld, und als bergiges und klimatisch nicht verwöhntes Land auch auf Reserven angewiesen. Den Gedanken der Versorgung, der Reserve kann man bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Früher ging es um Salz und Getreide, vor allem Kriege waren das Thema. Die Verantwortung lag mal beim Staat, mal bei den Kantonen. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg fand dann ein Umdenken statt, und seither ist die Wirtschaft verantwortlich für die wirtschaftliche Landesversorgung. Und dieses Modell hat sich bewährt.

Inwiefern?

Die wirtschaftliche Landesversorgung ist eine Organisation, in der die Wirtschaft und der Staat eng miteinander zusammenarbeiten. Dadurch profitieren beide Seiten und die Lösungen sind pragmatisch und umsetzbar. Die wirtschaftliche Landesversorgung ist dafür da, Mangellagen abzuwenden oder aber zu überbrücken. Wäre der Staat dafür alleine verantwortlich, müsste er für jede denkbare Mangellage eine Parallelstruktur hochfahren und dauernd betreiben, was unbezahlbar wäre. Mangelsituationen gibt es übrigens immer wieder, nur spüren die Menschen zum Glück und dank der Massnahmen der wirtschaftlichen Landesversorgung meist nichts davon.

Die bekannteste Massnahme sind die Pflichtlager. Wieso werden diese auch im Ausland immer wieder gelobt?

Weil sie kostengünstig sind und dort zum Einsatz kommen, wo sie direkt gebraucht werden. Nehmen wir das Beispiel der Medikamente, die der Bundesrat als lebenswichtig eingestuft hat: Leider fehlt immer wieder ein Medikament oder ein Wirkstoff. Meist gelingt es uns, diese mittels Pflichtlagerfreigaben zu überbrücken, so dass die Patienten und Patientinnen nichts davon mitbekommen. Diese Pflichtlager werden von den entsprechenden Unternehmen gehalten und nicht vom Bund. Dadurch können die Unternehmen auf Anordnung des Bundes (Pflichtlagerfreigabe) fehlende Medikamente direkt auf den Markt geben.

Dieses System ist aber nur ein Teil. Selbstverständlich braucht es auch sehr engagierte Mitarbeitende beim Bund und der Wirtschaft. Ich erinnere mich an ein fehlendes Medikament, das bei problematischen Geburten lebensrettend sein kann, weil es die Wehen fördert. Vor gut einem Jahr fehlte dieses in der Schweiz und im umliegenden Ausland ausgerechnet vor Weihnachten. Hier hat sich die WL unermüdlich eingesetzt, und es ist gelungen, das nur von einem Anbieter vertriebene Medikament noch vor Weihnachten 2019 zu beschaffen.

Als weiteres Beispiel möchte ich noch eins aus der Pandemie erwähnen: Wir erinnern uns an die leeren Regale im Frühjahr 2020. Als plötzlich alles geschlossen wurde und die Menschen von Zuhause aus arbeiteten und sich auch Zuhause verpflegten, wurde die Logistik überrascht. Denn plötzlich mussten gleich viele Lebensmittel über andere Orte verteilt werden. Das Problem war nicht, dass es nicht genug Ware hatte, sondern dass sich die Logistik neu organisieren musste. Und eine solche Neuorganisation braucht etwas Zeit. Daher hat die WL in enger Zusammenarbeit mit dem ASTRA, dem Bundesamt für Strassen, Massnahmen getroffen, so dass die Lastwagen der Detailhändler unter anderem auch nachts und an Sonntagen fahren durften. Als der Bundesrat nun vor Weihnachten 2020 die Massnahmen wieder verschärfte, wussten wir, wie man einen Beitrag leisten kann, leere Regale zu verhindern und setzten nach Rücksprache mit dem Detailhandel und den Kantonen die Massnahmen vorsorglich über die Feiertage in Kraft.

Wo sehen Sie die Stärken der wirtschaftlichen Landesversorgung?

Für mich macht die Stärke der WL die enge Zusammenarbeit von Wirtschaft und Staat aus und die Tatsache, dass die Wirtschaft für die Versorgung verantwortlich ist, und der Staat nur unterstützend eingreift. Somit sind die Lösungen immer sehr praxisnah und direkt umsetzbar. Die Miliz-Struktur hat auch den Vorteil, dass Engpässe, die zu Mangellagen führen könnten, sehr früh entdeckt werden können.

Dennoch gab es Lücken – zum Beispiel bei den Masken oder auch beim Ethanol, dem Grundstoff für Desinfektionsmittel.

Ja, die Versorgungslücken wie etwa bei den Schutzmasken oder beim Ethanol zeigten auf, dass das Thema der Versorgungssicherheit in den letzten Jahrzehnten immer weniger Beachtung bekam. Die Schweiz ist ein sehr gut organisiertes, wohlhabendes Land, das lange keine grosse Krise mehr erleben musste. Dies und auch die allgemeine Entspannung nach dem Ende des Kalten Krieges führten dazu, dass die Versorgungssicherheit an Stellenwert verlor. Zudem machte die wirtschaftliche Landesversorgung bei kleineren Krisen ihre Arbeit sehr gut. Engpässe, zum Beispiel ausgelöst durch Niedrigwasser des Rheins, konnten problemlos gelöst werden. Und vielleicht wurde die WL auch Opfer ihres eigenen Erfolgs: Die Bevölkerung bekommt oft kaum etwas davon mit, wenn Pflichtlager freigegeben werden müssen. Doch die Krise hat nun die Einstellung der Menschen verändert. Wir alle haben wohl zum ersten Mal erlebt, dass auch die Schweiz nicht gefeit ist vor Krisen. Das stärkt unsere Bedeutung und macht den Sinn unserer Arbeit deutlich. So haben wir nun zum Beispiel beim Ethanol erreicht, dass kurzfristig ein Sicherheitslager aufgebaut wird.

Können schon Lehren gezogen werden aus der COVID-19-Pandemie?

In einer Krise funktioniert nur, was vorbereitet und geübt wurde. Und Krisenvorsorge gibt es nicht gratis. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Krisenvorsorge ihren Preis hat. Es wird in Zukunft auch Massnahmen geben mit finanziellen Folgen für Bund und Wirtschaft. Ein gutes Beispiel dafür sind die Informations- und Kommunikationstechnologien. Sie sind sehr wichtig für Wirtschaft und Gesellschaft. Schon heute müssen diese Technologien vorsorglich geschützt werden. In diesen Netzen breiten sich Störungen so rasch aus, dass nicht erst im Nachhinein reagiert werden kann. Aber Vorsorge heisst auch, dass Kosten dem Ertrag gegenübergestellt werden. Es ist eine Gratwanderung zwischen einem optimierten Normalbetrieb und Krisenfestigkeit. Dazu gehört, dass wir uns bewusst sind und bleiben, dass auch die Schweiz nicht gefeit ist gegen Krisen. Und zwar jeder und jede Einzelne.

Und was heisst dies konkret?

Eine Lehre ist, dass wir als Gemeinschaft von Wirtschaft und Staat unsere Improvisationsfähigkeit weiter aufrechterhalten müssen. Wir müssen uns bewusst sein, dass unser Alltag in einem vernetzten und globalisierten Land mehr als je zuvor von einer sensiblen Infrastruktur abhängig ist. Wenn man sich vorstellt, was passiert, wenn plötzlich das Internet ausfällt oder die Stromversorgung nicht mehr richtig funktioniert. Dann bleibt vieles stehen. Vor ein paar Jahren konnte man zum Beispiel plötzlich am 24.Dezember nicht mehr mit Karten bezahlen. Ich war damals froh, hatte ich noch etwas Bargeld im Portemonnaie. Am nächsten Tag funktionierte es wieder. Doch das war ja dann bereits zu spät. Deshalb ist es gut, vorauszuplanen und für den Notfall gerüstet zu sein, um die Panne überbrücken zu können. Genau dafür propagieren wir seit Jahr und Tag den Notvorrat.

Und - hat der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung auch einen Notvorrat zuhause?

Klar. Denn die Idee des Notvorrats ist es, in schwierigen Situationen Zeit zu gewinnen, damit sich Wirtschaft und Staat organisieren können und die Menschen aber dennoch genug haben zum Überleben. Da meine Familie und ich sowieso nicht zu denen gehören, die täglich einkaufen gehen, haben wir immer genügend Vorräte zuhause.

Letzte Änderung 14.01.2021

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