Schweizer Ernährungssektor trotzt den Herausforderungen

Trotz der aktuellen Herausforderungen wie des Kriegs in der Ukraine oder des Klimawandels ist der Schweizer Ernährungssektor relativ resilient. Zu diesem Schluss kommt der diesjährige Bericht von Agroscope zur Ernährungssicherheit im Auftrag des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung.

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Auf globaler Ebene zeigt sich bezüglich der Nahrungsmittelproduktion bis Mitte 2022 ein eher positives Bild. In vielen Regionen der Welt waren die Anbaubedingungen relativ günstig. Der Krieg in der Ukraine führte jedoch zu Exportausfällen und zu einer Beschleunigung der Preisanstiege sowohl für Nahrungsmittel als auch für landwirt­schaftliche Produktionsmittel wie Energieträger und Dünger. Damit verschärften sich die Probleme bei der Nahrungsmittelversorgung in vielen ärmeren Regionen der Welt. Besonders betroffen sind die von ukrainischem und russischem Getreide abhängigen Länder in Nordafrika und im Mittleren Osten.

In Europa beeinträchtigen zwar klimatische Entwicklungen wie Trockenheit die landwirtschaftliche Produktion. Die Nahrungsmittelversorgung ist jedoch aufgrund des hohen Selbstversorgungsgrads kaum bedroht. Gleichwohl hat die EU angesichts der zunehmenden Gefährdungen verschiedene Massnahmen zur Sicherstellung der Versorgung getroffen, beispielsweise die Weiterentwicklung der Lagebeobachtung oder die Etablierung des «European food security crisis preparedness and response mechanism (EFSCM)». Zudem werden in einzelnen Mitgliedsländern Massnahmen zur die Abfederung der steigenden Nahrungsmittelpreise getroffen.

Auch in der Schweiz ist mit steigenden Produktionskosten in der Landwirtschaft und in der verarbeitenden Lebensmittelindustrie davon auszugehen, dass Konsumenteninnen und Konsumenten von anhaltenden Preiser­höhungen für Nahrungsmittel betroffen sein werden. Eine Gefährdung der Versorgung ist aufgrund der hohen Kaufkraft und der stabilen Verfügbarkeit von Agrarprodukten auf dem Weltmarkt mit Stand Mitte 2022 nicht absehbar. Trotzdem erfordern die folgenden Unsicherheitsfaktoren, die weitere Entwicklung der aktuellen Situation genau zu beobachten:

  • Krieg in der Ukraine: Die Schweiz bezieht nur einen geringen Anteil ihrer Nahrungs- und Produktions­mittelimporte direkt aus der Ukraine oder aus Russland. Trotzdem sind weitere Kosten- und Preissteige­rungen sowie Beschaffungsengpässe in Teilbereichen (z. B. Ersatzteile für Maschinen, Zusatzstoffe für die Verarbeitung von Rohprodukten) nicht ausgeschlossen.
  • Produktionsmittelabhängigkeit: Die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft ist stark von Produktions­mitteln aus dem Ausland und von funktionierenden Infrastrukturen abhängig (z. B. Versorgung mit Energie sowie Informations- und Kommunikationstechnologien). Eine Beeinträchtigung in einem wichtigen Bereich kann über Kaskadeneffekte im schlimmsten Fall in einzelnen Sektoren zu schweren Mangellagen führen.
  • Preisvolatilität: Stark ansteigende Preise gefährden die Ernährungssicherheit vor allem von Menschen in den ärmsten Ländern der Welt. Dadurch ausgelöste wirtschaftliche oder politische Verwerfungen können sich aber auch auf die Versorgung der Schweiz auswirken.
  • Klimawandel: Heisse und trockene Sommer werden in der Schweiz häufiger auftreten. Dadurch ist mit zunehmend schwankenden Erträgen zu rechnen.

Sollten in der aktuell bereits angespannten Situation zusätzliche versorgungsrelevante Ereignisse eintreten (z. B. grossflächige Ernteausfälle infolge extremer Witterungsereignisse, ein anhaltender Zusammenbruch der Logistik oder relevante Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen), so müsste die Situation neu beurteilt werden.

Die aktuellen und zukünftigen Risiken für die Versorgungssicherheit sind Gegenstand der Gefährdungsanalyse der wirtschaftlichen Landesversorgung (PDF, 883 kB, 24.06.2022).

Fazit

Die Erkenntnisse des vorliegenden Berichts führen zu folgenden Kernaussagen für die kurze und mittlere Frist:

  • Die weltweite Versorgungssicherheit im Ernährungsbereich nimmt ab und könnte reduziert bleiben.
    Das Verständnis für die grundlegenden Zusammenhänge einer ausreichenden Produktion und zeitgerechten Verteilung von Nahrungs- und Produktionsmitteln zur Sicherstellung einer ausreichenden Nahrungsmittelver­sorgung hat zwar zugenommen, in naher Zukunft dürfte aber die weltweite Koordination ungenügend bleiben, um den zunehmenden Herausforderungen wirksam begegnen zu können.
  • Die Herausforderungen entlang der Versorgungskette zur Sicherstellung einer ausreichenden Nahrungs­mittelversorgung der Schweizer Bevölkerung werden zunehmen.
    Durch die Spezialisierung der Wertschöpfungsketten entstehen immer mehr Abhängigkeiten, gleichzeitig steigt die Zahl möglicher Gefährdungen (z. B. Cyberangriffe, Engpässe im Energiebereich), die zu schweren Mangellagen führen könnten.
  • Das Antizipieren sowie die Sicherstellung der Vorbereitungsmassnahmen für allfällige schwere Mangellagen in der Schweiz ist herausfordernd.
    Aufgrund der zunehmenden Komplexitäten lassen sich viele Bewältigungsstrategien lediglich im Grundsatz vorbereiten und erfordern auch Massnahmen, die über den Ernährungsbereich hinausgehen und in Koordination mit anderen Fachgebieten geplant werden müssen.
  • Trotz Herausforderungen ist die Resilienz des Schweizer Ernährungssektors gegeben. Die Zusammen­arbeit zwischen Wirtschaft und Staat sowie die internationale Kooperation bleiben ausserordentlich wichtig.
    In den Krisen der vergangenen drei Jahre hat die Wirtschaft ihre Anpassungsfähigkeit zur Sicherstellung der Versorgung unter Beweis gestellt. Auch die enge Kooperation zwischen Wirtschaft und Staat hat sich bewährt. Zur Sicherstellung der Versorgung in schweren Mangellagen wird eine weltweite, europäische und nationale Kooperation zunehmend unerlässlich.

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Weiterführende Informationen

Letzte Änderung 19.09.2022

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